Die Nacht war grausam. Wir waren es zwar gewohnt, früh ins Bett zu gehen, jedoch nicht SO früh. Um 18:30 lagen alle auf dem Dachboden der Hütte in ihren Schlafsäcken und raschelten, was das Zeug hielt. Nach vier Stunden schaute ich dann endlich mal auf die Uhr, es war halb elf. Langsam wurde ich müde genug, um eventuell bald ein zu schlafen. Um halb zwölf war ich immer noch nicht eingeschlafen. Um halb eins hatte dann irgend so ein Hirni seinen Wecker gestellt, den er auch glatt überhörte, dafür aber den Rest der Mannschaft schonmal eine halbe Stunde zu früh weckte. Kurz nach eins kam dann einer der Guías um uns zu wecken. Nachdem wir dann unsere Schlafsäcke wieder eingepackt und uns dann eine Ewigkeit lang in unsere Ausrüstung gezwängt hatten, ging es gegen kurz nach zwei endlich los. Nach 50m Fußmarsch wurden die Steigeisen an die Füße geschnallt und je zwei Touristen mit einem Seil an ihren Guía geschnürt. Durch die Kopflampe, die jeder auf der Stirm hatte, konnte man immer nur die Schuhe samt Steigeisen des Vordermanns sehen, der Blick reichte nicht weiter als einige Meter. Nach einer endlos erscheinenden Zeit gab es die erste Pause. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass wir erst eine Stunde gelaufen waren. Da es aufrund der größeren Höhe nun schon etwas kälter geworden war, zog ich meinen Winteranorak noch an. Ich hatte jetzt zwei Paar Socken, drei Hosen, ein T-Shirt, ein Sweatshirt, eine Fleecejacke, eine Regenjacke und eine Windjacke an. Sobald wir mehr als drei Minuten standen, fror ich trotzdem.
Mein Snickers, das ich mir in dieser Pause gönnen wollte, war gefroren. Es splitterte bei jedem Biss die Schokolade ab.
Der weitere Weg ging stets bergauf (wer hätt’s gedacht?) und die Luft war verdammt knapp. Auf einer Höhe von über 5000m über dem Meer merkt man halt schon gewaltig, dass da 5km weniger Luft über einem sind. Ismael, unser Guía kam nicht einmal außer Atem. Wir mussten ihn des öfteren zu einer kurzen Verschnaufpause zwingen. Gegen sechs Uhr dämmerte es bereits ein Wenig und wir sahen, dass wir uns schon direkt unter dem Gipfel befanden. Auf eine Nachfrage meinte er, es sei nicht mehr weiter anstrengend und auch nicht mehr steil. Komischerweise mussten wir dann doch einige Meter mehr oder weniger senkrechte Eiswand hinaufklettern. Gott sei Dank hatten wir das ja am Tag vorher geübt! Fast oben angekommen ging es dann noch einige Meter auf dem Grat des Berges entlang. Ich glaube, so einen Grat hätte ich mir vorher in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt: Rechts ging es ungefähr 1000m (in Worten: eintausend Meter) fast senkrecht eine felsige, teils vereiste Wand hinunter. Man konnte unten die Talsohle sehen. Links ging es nicht ganz so weit, nur etwa 100m, auch nicht ganz so steil hinunter. Auch war hier kein Fels zu sehen, es war alles vergletschert. Es hätte auf jeden Fall nur ein falscher Schritt nach links oder rechts gereicht, man wäre einfach so runtergefallen. Zum Glück war da noch dieses Seil… Ismael meinte kurz vor dem Ziel recht trocken, drei Wochen vorher seien drei Ecuadorianer bei dem Versuch, die steile Südwand zu erklimmen, in den Tod gestürzt. Er selbst hat die Wand vor zwei Monaten im Zuge seiner Bergführerprüfung erklettern müssen. Es sei ein vierzehnstündiger Aufstieg gewesen. Oben, auf 6080m angekommen entschädigte die hinterm Horizont aufgehende Sonne und der Ausblick auf die umliegenden, niedrigeren Gipfel für alle vorangegangenen Qualen. Es war einfach umwerfend!
Nach einer Rast von etwa fünf Minuten mussten wir jedoch schon wieder den Abstieg beginnen. Zum Einen wurde es zu kalt, zum Andern mussten wir den sehr begrenzten Platz auf dem verschneiten Gipfel für die nachkommenden Grüppchen freigeben. Wir waren übrigens die vorletzten, die starteten, aber die ersten, die oben ankamen: Germany wins! Entgegen meiner Hoffnung
war der Abstieg nicht weniger anstrengend als der Aufstieg. Unser Problem war, dass wir nicht mehr genügend Wasser bei uns hatten. So wurden die Kopfschmerzen, die sich schon beim Aufstieg ganz leicht angekündigt hatten, immer stärker. Zum Schluss war der Durst so groß, dass ich anfing, Schnee in meinen Mund zu stopfen. Obwohl wir die ersten auf dem Gipfel waren, waren wir dann die Letzten, die in der Basisstation ankamen. So langsam machte der Durst vor Allem mich. Kerstin hat es wohl besser
weggesteckt. Während des Abstiegs verfluchte ich die Organisation unserer Tour unzählige Male: Keiner hatte uns gesagt, dass man oben, im Basislager, kein Wasser mehr kaufen kann. Wir waren es von unserer letzten Wanderung gewohnt, dass man selbst auf über 4000m noch alle paar Ecken Wasser und sogar RedBull und Bier kaufen kann. Das war leider unser Verhängnis.
Nachdem wir also an der Basisstation undere Schlafsäcke eingepackt, die Ausrüstung ausgezogen und endlich im Tal angekommen waren, wurden die Kopfschmerzen immer heftiger. Erst nach einer sehr großen Menge an Wasser (die dort glücklicherweise wieder zu kaufen war), ließen sie allmählig nach.
Als wir gegen ein Uhr wieder in La Paz angekommen waren, stellten wir erfreut fest, dass die Bank uns unser „gestohlenes“ Geld wieder zurücküberwiesen hatte.
Nach einem kräfigenden Mittagessen im Hotel Oberland (wo wir zuvor schon zweimal Schweizer Fondue gegessen hatten) nahmen wir abends dann den Bus nach Uyuni, wo unsere nächste Tour beginnen sollte. Morgen früh werden wir dann dort ankommen und sehen, was uns dort erwartet…

Ja Nino, verlobt? Cool, Glückwunsch! Ich hab übrigens seit April auch nen Ring am Finger 😉
GLG
Alex